Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Wienerinnen und Wiener,
ob mit oder ohne Migrationshintergrund,

In Österreich wird viel und gerne über die Integration diskutiert.

Dabei geht es aber leider selten um Menschen und oft um Wählerstimmen.

Denn statt über Themen wie Arbeit, Bildung, Förderungen und Teilhabe zu diskutieren, haben wir nur künstlich erzeugte, völlig unnötige Diskussionen, die uns keinen Schritt vorwärts bringen. Ziel solcher Debatten ist es nicht, Menschen in die Gesellschaft einzubinden, sondern Wählerstimmen zu gewinnen. Diese Politik dient nicht dem Wohlergehen der Gesellschaft sondern werd entweder von der FPÖ oder aus Angst vor der FPÖ gemacht. Dass knapp 1 Million Menschen in Österreich keine Staatsbürgerschaft hat und dadurch auch kein Wahlrecht macht sie zu Freiwild der Populisten, Hetzer und ehemaligen Neonazis.

Durch billige Parolen und Vorurteile gegen Migrantinnen und Migranten entsteht in Österreich ein Klima, das eine vernünftige Diskussion und Lösungen nicht möglich macht.

Ein Klima die zwei Wiener NMS-DirektorInnen ermutigt, in die Öffentlichkeit zu treten und unter anderem zu behaupten, dass die SchülerInnen mit tükischen Würzeln (Zitat) „geistig nicht in Österreich angekommen“ seien und es problematisch sei, dass sie zuhause nur Türkisch sprechen und in den Sommerferien in die Türkei fahren.

Die Probleme im Bildungssystem werden aber mit Sicherheit nicht durch Beleidigungen und Fingerzeig auf eine Gruppe gelöst, sondern mit spezifischen Angeboten, Förderung der interkulturellen Kompetenzen und – vor allem mit mehr Wertschätzung für die Mehrsprachigkeit von Kindern.

Die Probleme werden wir nicht lösen indem wir sagen, dass 72% der AustrotürkInnen für die Verfassungsänderung in der Türkei stimmten und dass sie damit als nicht integriert gelten. Denn – von der Gesamtzahl der Menschen mit türkischem Hintergrund in Österreich haben nur knapp 14% mit Ja votiert.

Und wenn man schon das JA beim Referendum als fehlende Integration interpretiert, dann sollte man auch die restlichen 86% als integriert definieren. Aber anscheinend ist man hierzulande mehr an einem Türken-Besching interessiert, statt an einem friedlichen Zusammenleben.

Obwohl es mich traurig stimmt, dass fast 40.000 unserer MitbürgerInnen für ein autoritäres Präsidialsystem und gegen unsere demokratischen Werte gestimmt haben, wundert es mich nicht. Denn solange sich Menschen mit türkischen Wurzeln in Österreich als „BürgerInnen zweiter Klasse“ fühlen, da sie nach 50 Jahren noch immer kein gleichberechtigter Teil der österreichischen Gesellschaft sind, ist es für AKP-PolitikerInnen aus der Türkei leicht sich als ihre Stimme zu inszenieren und leicht für Populisten in Österreich, dies zu missbrauchen um unsere Gesellschaft zu spalten.

Und während wir in Österreich mit Kopfschütteln in die Türkei blicken, wünschen sich 23 Prozent auch hierzulande einen „starken Führer“ an der Spitze des Landes, ohne Rücksicht auf Wahlen und Parlament.

Und, laut aktuellen Umfragen, würden 32% hierzulande eine Partei wählen, an deren Spitze ein ehemaliger Neonazi steht.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

Ich werde immer wieder dafür kritisiert, dass ich unseren smarten, jungen, erfolgreichen und laut Umfragen so beliebten Integrationsminister ab und zu kritisiere. Aber wissen Sie, warum sich ein frecher Ausländer ab und zu dazu entschließt?

Weil es dem frechen Ausländer nicht um Beliebtheitsskalen oder Wahlumfragen geht. Mir geht es nämlich um meine Familie, um meine Kinder die hier geboren sind und Ausländer sind. Mir geht es um meinen Redakteur Oguzcan, der sich vor ein paar Monaten in der Polizeiwache im 20. Bezirk über die doppelte Ausstellung eines Strafzettels beschwerte und dem die Polizeibeamtin daraufhin antwortete „Wenn es Ihnen nicht passt, gehen Sie in die Türkei zurück“. Mit geht’s um meinen Freund Mario, der letzte Woche seinen Job verloren hat, weil durch Zufall rauskam, dass ihm nach 15 Jahren Aufenthalt in Österreich die sogenannte EU-Freizügigkeitsbestätigung fehlte.

Mir geht’s um mich, weil ich am Freitag vier Stunden warten musste, um meine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Und dafür noch 200 Euro zahlen musste.

Mir geht’s um meinen türkischen Nachbar, der morgens um halb sechs auf dem Weg zur Arbeit, bei der er laut Statistiken schlechter bezahlt wird und die er wegen seines Namens seltener bekommt, verletzende Hassbotschaften auf Plakaten lesen muss und dessen Frau, die auf der Straße immer häufiger beschimpft wird, weil sie ein Kopftuch trägt. Eine Kopfbedeckung, wie sie auch die britische Königin Elizabeth in ihrer Freizeit gerne trägt.

Und schlussendlich: Mich einzumischen ist mein Recht – und sogar meine Pflicht!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich habe noch keinen Migranten kennengelernt, der nicht dankbar dafür ist, in Österreich leben zu dürfen und ich habe auch keinen kennengelernt, der nicht den Wunsch hatte, Deutsch perfekt sprechen zu können. Und ich habe auch keine Eltern kennengelernt, die nicht die beste Bildung und die besten Arbeitschancen für die eigenen Kinder wünschen. Aber ich habe Menschen kennengelernt, die kaum Deutsch können, aber auch die eigene Muttersprache schlecht beherrschen. Ich habe auch Menschen kennengelernt, die etwas leisten wollen, denen aber der Zugang zur Leistung verwehrt wurde. Ich habe auch Menschen kennengelernt, die sich zu Österreich bekennen und trotzdem wegen ihrer Muttersprache, ihres Aussehens oder schwer aussprechbaren Namen diskriminiert werden.

Diese Menschen sind nicht das Problem, sondern haben Probleme.

Und wenn wir schon bei schwer aussprechbaren Namen sind, ich habe mich vor ein paar Monaten entschieden, auf meinen Visitenkarten meinen Familiennamen mit SCH statt S mit Hacek zu schreiben, weil ich es einfach satt hatte, seit mittlerweile 24 Jahren Zoze, Sose oder Hoze genannt zu werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, 

ich esse selten Pizza, noch seltener bestelle ich eine nach Hause. Aber trotzdem hätte ich ein paar Anregungen und Wünsche:

– Wir sollten nicht nur die Anpassung verlangen, sondern die Atmosphäre schaffen in der die Anpassung selbstverständlich ist. Dazu brauchen wir eine Politik, die sich klar zu Vielfalt, Mehrsprachigkeit und Multikultur bekennt und sich um die Gleichheit aller in Österreich lebenden Menschen kümmert.

– Wir brauchen weniger Angst vor Hetze und zugleich mehr Mut zur Vielfalt. Mehr Mut zur Mehrsprachigkeit, mehr Mut zu einer Gesellschaft in der wir ohnehin leben.

– Wir brauchen eine menschliche Flüchtlingspolitik, weil es unsere Verpflichtung ist, Menschen in Not zu helfen. Unabhängig davon, wie die populistische Reaktion darauf ist. Und unabhängig davon, wie die Umfragewerte stehen. Dazu brauchen wir Solidarität und Mut.

– Wir müssen uns Konflikten, kulturellen, ebenso wie sozialen, stellen und sie friedlich austragen, ohne dabei ganze Gruppen zu stigmatisieren.

– Und wir sollen vom ewigen Nebeneinander zum Miteinander kommen. Dazu brauchen wir ein Integrationskonzept, das Partizipation der MigrantInnen in allen gesellschaftlichen Bereichen, eine interkulturelle Öffnung und den Abbau von Hürden fördert.

– Und, weil wir heute Abend zum ersten Mal den MigAward auch in der Kategorie Gender verleihen – wir brauchen eindeutig mehr Corinna Milborns und weniger Felix Baumgartners

Meine lieben Freundinnen und Freunde, 

einerseits nutze ich heute zum siebten Mal die Gelegenheit, zu loben und zu kritisieren. Weil mir die Vielfalt unserer Stadt und die Teilhabe an der Gesellschaft große Anliegen sind. Andererseits bin ich dankbar dafür, dass ich, ein frecher Ausländer, vor der Staatssekretärin für Diversität, vor dem Stadtrat für Integration, vor dem Arbeiterkammer Chef, vor der AMS Chefin, vor dem waff Vorstandsvorsitzenden, vor dem Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur und zahlreichen anderen VertreterInnen der Wiener Politik und Institutionen meckern darf. Und dafür noch einen Applaus bekomme. Das ist wirklich unglaublich.

Genauso unglaublich wie die Tatsache, dass wir über 130 KooperationspartnerInnen haben, mit denen wir gemeinsam im Rahmen der Integrationswoche die Wiener Vielfalt feiern, und uns gemeinsam für Diversität und Weltoffenheit einsetzen.

Denn die einzig richtige Antwort auf Hass, Hetze und Menschenverachtung lautet: Zusammenhalt.

Es wird in unserer Gesellschaft, wie in jeder anderen auch, immer Menschen geben, die ihre Unzufriedenheit mit sich selbst auf die „Schwächeren“ projizieren. Und es wird immer PolitikerInnen geben, die sie für eigene Zwecke instrumentalisieren. Die werden wir kaum ändern können. Das einzige was wir können und müssen, ist lauter sein. Ja, laut und zusammen können wir Wien und Österreich besser machen. Aber nicht, indem wir beschränken, kürzen, drohen, bestrafen, sondern indem wir über Probleme in unserer Gesellschaft miteinander, offen und auf Augenhöhe diskutieren. Und indem wir aktiv gegen Hass, Hetze, Frauenfeindlichkeit, Gewalt, Antisemitismus, Homophobie, Islamophobie und jegliche Art von Rassismus und Diskriminierung auftreten.

Und das tun wir bereits, weil wir im Rahmen der Integrationswoche die Vielfalt unserer Stadt in den Vordergrund stellen, die wahren Vorbilder in unserer Gesellschaft vor den Vorhang holen und weil wir Werte nicht lehren, sondern vorleben.

Für diesen gemeinsamen Weg möchte ich an dieser Stelle allen unseren KooperationspartnerInnen von ganzem Herzen danken, mit der Entschuldigung, dass ich mich wegen der großen Vielzahl hier nicht bei jedem Einzelnen bedanken kann.

Und für die Möglichkeit, unsere Botschaften mit sehr vielen Wienerinnen und Wienern teilen zu können, danke ich unseren MedienpartnerInnen, unseren Freunden von Heute, Wiener Bezirkszeitung, ORF, OKTO und vienna.at.

Ich nutze auch die Gelegenheit, meinem Team zu danken: Danke Tatjana, Katharina, Viktoria, Ozzy, Siniša, Igor und Michael.

Die Integrationswoche ist zwar ein großes und erfolgreiches Projekt, aber ist trotzdem nur möglich mit Unterstützung unserer FreundInnen und Freunden von Western Union, AK Wien, AMS Wien, Stadt Wien, SPÖ Wien, VHS Wien, waff, Wiener Linien, Wirtschaftsagentur Wien und WUK.

Das ist nicht selbstverständlich, weil es bei diesem Projekt nicht nur ums Loben und Händeschütteln geht. Es ist auch eine der wenigen Gelegenheiten, wo auch Migranten gestattet wird, zu kritisieren. Dafür ein großes Dankeschön.

Mein besonderer Dank gilt auch allen weltoffenen, die in den nächsten 10 Tagen an unseren Events teilnehmen werden.

Hiermit erkläre ich die 7. Wiener Integrationswoche für eröffnet und sage dazu:

Wien ist nicht nur Wien, Wien ist auch Beč, Wien ist auch Vienna und Wien ist auch Viyana. Wien ist auch alt, schwul, behindert, und vieles mehr. Und das ist schön so.

Es lebe die Vielfalt.

Hvala!

 

Foto: Igor Ripak/Bum Media