Nach dem umstrittenen Verfassungsreferendum in der Türkei, bei dem Staatschef Recep Tayyip Erdogan knapp als Sieger hervorging, hagelt es Kritik. Der Tenor: 72% der AustrotürkInnen stimmten für die Verfassungsänderung und gelten damit in Österreich als nicht integriert.

Dino Schosche, Migrantenvertreter und Initiator der Wiener Integrationswoche, kritisiert die überwiegend negativen medialen und politischen Analysen des Referendums scharf: „Gäbe es in der Politik und in der Medienlandschaft das Interesse an einem friedlichen Zusammenleben, würde man auch auf erfreuliche Tatsachen aufmerksam machen: Knapp die Hälfte der wahlberechtigten AustrotürkInnen nahm nicht am Referendum teil, weil sie sich anscheinend nicht mehr politisch an ihrer ehemaligen Heimat orientieren“, so Schosche, der betont: „Genauso kann man aus den Wahlergebnissen ableiten, dass Erdogan bei den AustrotürkInnen keine Mehrheit hat.“

Aufgrund der Wahlbeteiligung von etwa 51% schmelzen die 72% für die Verfassungsreform auf etwas mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten. „Von der Gesamtzahl der Menschen mit türkischem Hintergrund in Österreich haben nur knapp 14% mit Ja votiert. Wenn man schon dieses Ja als fehlende Integration interpretiert, dann sollte man auch die restlichen 86% als integriert definieren. Anscheinend ist man hierzulande aber mehr an einem Türken-Bashing interessiert, statt an einem friedlichen Zusammenleben“, hebt Dino Schosche hervor. Wenn man sich schon Gedanken über die fehlende Integration mache, so Schosche, sollte man sich auch um die (laut letzten Umfragen) 32 Prozent sorgen, die die FPÖ wählen würden. Eine Partei, die aktiv an der Spaltung unserer Gesellschaft arbeitet und deren Obmann Verbindungen zur Neonazi-Szene hat.

Schosche ist vom Ergebnis des Referendums nicht überrascht: „Obwohl es mich traurig stimmt, dass fast 40.000 unserer MitbürgerInnen für ein autoritäres Präsidialsystem und gegen unsere demokratischen Werte gestimmt haben, wundert es mich nicht. Antonia Rados hat es im Kurier-Interview sehr treffend auf den Punkt gebracht: Wenn man sie so an die Wand drückt, dann werden sie irgendwo einen Halt und eine Identität suchen, und das ist die Türkei.“

Bei diesen Diskussionen und Reaktionen ortet Schosche auch eine große Portion Verlogenheit. „Während sich Außenminister Kurz tagtäglich bemüht, seine Position als Zentralfigur für einen anti-türkischen Kurs zu festigen, war er der erste, der dem serbischen Premier und bald auch Präsidenten Vucic zu seinem Sieg gratulierte. Einem Politiker, der seinen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen den Repressionen und der Gleichschaltung der Medien zu verdanken hat. Gegen diesen autoritären Politiker gehen täglich Tausende auf die Straßen serbischer Städte demonstrieren. Doch Kritik gegen Vucic würde bei der größten Migrantengruppe in Österreich und zeitgleich vielen potentiellen Wählern nicht gut ankommen – und das weiß Sebastian Kurz auch“, so Dino Schosche abschließend.

Pressefoto: http://bit.ly/2bwGGoL
Credit: Bum Media / Michael Mazohl

 

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